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Max Nordau: Die Konventionellen Lügen der Menschheit.

I draw attention to the book “The conventional lies of civilized mankind” (1883) by Max Nordau, in which he critically analyzed the situation of western mankind before the first world war. He concludes with an optimistic note suggesting that future relations should be governed by solidarity and not greed (Selbstsucht), but it seems that none of his optimism has fulfilled itself. I ask: has there been progress in history?

Max Nordau (1849 bis 1923) schrieb einige sehr einflussreiche Bücher, in denen er die Lage der Zeit (vor dem ersten Weltkrieg) analysiert. Hier ist der erste Satz aus “Mene, Tekel, Upharsin” und der letzte Abschnitt aus “Schlussharmonie” aus seinem Buch “Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit’ (erste Auflage 1883), in dem er seine Hoffnung für die Zukunft ausdrückt (http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=4295&kapitel=1#gb_found)

“Die Menschheit, die gleich Faust Erkenntniss und Glück sucht, war vielleicht zu keiner Zeit so weit entfernt wie jetzt, dem Augenblicke zuzurufen: “Verweile doch, du bist so schön!”

“Aber nicht blos die Quelle aller Moral, sondern auch die aller Einrichtungen muss die Solidarität werden. In den bestehenden Formen kommt der Egoismus zum Ausdruck, die Formen, welche ihre Stelle einzunehmen berufen sind, wird der Altruismus vorzeichnen. Die Selbstsucht erweckt den Wunsch, Andere zu beherrschen, sie führt zum Despotismus, sie macht Könige, Eroberer, eigennützige Minister und Parteiführer, die Gattungsliebe gibt den Wunsch ein, der Gesammtheit zu dienen, sie führt zur Selbstverwaltung, zur Selbstbestimmung, zu einer Gesetzgebung, die blos von der Rücksicht auf das Gemeinwesen inspirirt ist. Die Selbstsucht ist die Ursache der schlimmsten Ungerechtigkeiten in der Gütervertheilung, die Solidarität gleicht diese Ungerechtigkeiten so weit aus, dass Bildung und tägliches Brod jedem Bildungsfähigen und Arbeitswilligen gesichert sind. Der Kampf ums Dasein wird so lange währen wie das Leben selbst und er wird immer die Ursache aller Entwicklung und Vervollkommnung sein; aber er wird mildere Formen annehmen und sich zu seinem heutigen
Wüthen so verhalten wie die Kriegführung gebildeter Nationen zum Würgen von Menschenfressern. Auf die Zivilisation von heute, deren Kennzeichen Pessimismus, Lüge und Selbstsucht sind, sehe ich eine Zivilisation der Wahrheit, der Nächstenliebe, des Frohmuths folgen. Die Menschheit, die heute ein abstrakter Begriff ist, wird dann eine Thatsache sein. Glücklich die spätergeborenen Geschlechter, denen es beschieden sein wird, umspielt von der reinen Luft der Zukunft, übergossen von ihrem hellern Sonnenschein, in diesem Bruderbunde zu leben, wahr, wissend, frei und gut!”

Ich überlasse dem Leser das Urteil darüber, ob sich Nordaus Wunsch erfüllt hat. Ist der Atomkrieg, die Kriegführung gebildeter Nationen, tatsächlich ein Fortschritt gegenüber dem Würgen von Menschenfressern? Und ist, was zu Nordaus Zeiten ein Wunsch war, immer nur noch ein frommer Wunsch? Wo bleibt da der Fortschritt der Menschheit?

Insgesamt, das Buch ist heute ebenso anregend wie vor 130 Jahren: eine tiefschürfende Analyse der politischen, religiösen und wirtschaftlichen Bedingungen jener und unserer Zeit. Und, da - wie wir gerade gesehen haben - sich anscheinend wenig verändert hat, sollten wir zumindest den Optimismus Nordaus wachhalten. Bitter notwendig, wie unter anderem hier zu sehen.

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